Schmerzgedächtnis

Nachfolgender Artikel wurde von Herrn Prof. Hartmut Göbel, ärztlicher Direktor der Schmerzklinik Kiel, erstellt und uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Sinnvoller Schmerz und sinnloser Schmerz

Normalerweise warnt uns Schmerz vor Gefahren. Schmerz motiviert zur Schadensabwehr und dazu, gezieltes, sinnvolles Verhalten für die Heilung einzuleiten. Chronischer Schmerz hat diese sinnvollen Eigenschaften nicht. Er besteht oft, ohne dass eine Ursache zu finden ist. Auch kann eine Ursache bekannt sein, ohne dass sich diese ändern oder gar heilen lässt. Der Schmerz dauert über Monate oder Jahre an. Man gewöhnt sich nicht an die Schmerzen, im Gegenteil, das Nervensystem wird immer empfindlicher: Schmerz macht mehr und stärkeren Schmerz. Dazu kommt die räumliche Ausbreitung von Schmerzen auf verschiedene Körperbereiche, die ursprünglich nicht von der Schädigung betroffen waren. Die Schmerzareale werden größer. Dabei wird die Schmerzinformation von einem Ort zu einem anderen weiter getragen. Wir haben es hier mit einer Art „Dominoeffekt“ zu tun: Kommt es zu Schmerzen an einer Region, hat das Auswirkungen auf die Schmerzempfindlichkeit im gesamten Körper. Schließlich bilden sich psychologische Folgen aus: Sozialer Rückzug, Ängste, Schlaflosigkeit, Depression. Am Ende steht die schmerzbedingte Persönlichkeitsänderung, eine eigenständige Schmerzkrankheit hat sich gebildet. Die Suche nach einen vermeintlichen einzelnen Schmerzauslöser ist dabei sinnlos.

Wie kommt es zu chronischen Schmerzen – wie entwickelt sich ein Schmerzgedächtnis?

Für das krankhafte Andauern von Schmerzen, also das chronische Bestehen der Schmerzen trotz Abklingen jeglicher Schmerzreizung, wird u.a. die permanente Aktivierung von Nervenfasern durch chemische Botenstoffe verantwortlich gemacht. Durch zusätzliche fehlerhafte Verrechnung von Schmerzinformationen können vom Gehirn falsch aufgefasste Erregungsmuster erzeugt werden, die den auslösenden Reiz lange überdauern können. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses. Der Schmerz unterhält sich selbst, ähnlich einer Rückkopplung an einer Lautsprecherverstärkeranlage. Schmerz bewirkt immer mehr und länger andauernden Schmerz. Schmerzen auszuhalten ist daher keine Tugend. Wichtigste Maßnahme, um chronischen Schmerz die Grundlage zu nehmen, ist daher eine wirksame Schmerztherapie.

Was meint man mit dem Begriff „Schmerzgedächtnis“?

Der Begriff „Schmerzgedächtnis“ beschreibt alle Vorgänge, die bei der Entwicklung chronischer Schmerzen ein Rolle spielen. Es ist damit nicht ein Lernvorgang wie bei dem Lernen von Vokabeln gemeint. Bei der Entstehung von chronischen Schmerzerkrankungen (Schmerzgedächtnis) spielen viele Vorgänge eine Rolle, z.B. Entzündungen, Schmerzreflexe, Ausbreitung der Erregung, soziale und psychische Faktoren etc. Wir können vier Eigenschaften unterscheiden, die den klinischen Schmerz als krankhaften Schmerz charakterisieren und die Entwicklung eines „Schmerzgedächtnisses“ begründen: – Normalerweise nichtschmerzhafte Reize werden als schmerzhaft erlebt, – Schmerzreize bewirken eine übernormal große Schmerzintensität, – vorübergehende Schmerzreize rufen eine überdauernde Schmerzempfindung hervor und – Schmerzreize bedingen eine räumliche Ausbreitung von Schmerzen auf Körperregionen, die primär unbeschädigt waren.

Aktuelles aus der Schmerzklinik Kiel

Beitrag drucken


Keine Kommentare bisher.

Schreibe einen Kommentar